Universitäre Medizin lebt von der engen Verbindung klinischer Versorgung und wissenschaftlicher Evidenz. Ziel moderner perioperativer Medizin ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse nicht nur zu gewinnen, sondern sie strukturiert und nachhaltig in die Versorgung unserer Patientinnen und Patienten zu integrieren.
Seit dem 01.10.2023 wird die Umsetzung eines leitliniengerechten perioperativen Versorgungskonzepts für insbesondere ältere operative Patientinnen und Patienten am TUM Klinikum durch einen Qualitätsvertrag nach §110a SGB V unterstützt. Das Projekt verbindet strukturierte perioperative Versorgung, interprofessionelle Zusammenarbeit, wissenschaftliche Evaluation und systematische Schulungsprogramme innerhalb eines gemeinsamen Behandlungspfades und verfolgt dabei das Ziel, evidenzbasierte Präventionsstrategien nachhaltig in die klinische Routineversorgung zu integrieren.
Im Mittelpunkt steht die Prävention perioperativer neurokognitiver Komplikationen, insbesondere des postoperativen Delirs. Das postoperative Delir gehört zu den häufigsten und klinisch relevantesten Komplikationen bei älteren und vulnerablen operativen Patientinnen und Patienten. Gemeinsam mit der AOK Bayern als bedeutendem Kooperationspartner entwickeln, implementieren und evaluieren wir strukturierte Präventions- und Versorgungskonzepte, um Morbidität, Mortalität und langfristige funktionelle Einschränkungen nachhaltig zu reduzieren.
Ein wesentlicher Bestandteil des Projekts ist die enge Zusammenarbeit der an der perioperativen Behandlung beteiligten Berufsgruppen sowie deren systematische Einbindung in interprofessionelle Schulungs- und Fortbildungsformate zur Umsetzung leitliniengerechter Delirprävention. Ziel ist eine konsistente und qualitativ abgestimmte Betreuung über Fach- und Berufsgruppen hinweg sowie die nachhaltige Verankerung standardisierter perioperativer Behandlungsstrukturen im klinischen Alltag.
Die im Rahmen des Qualitätsvertrags etablierten klinischen Abläufe ermöglichen gleichzeitig die wissenschaftliche Analyse perioperativer Versorgungsprozesse unter den Bedingungen eines universitätsmedizinischen Hochleistungszentrums. Dadurch entsteht eine enge Verbindung zwischen klinischer Versorgung, translationaler Forschung und der kontinuierlichen Weiterentwicklung evidenzbasierter Behandlungspfade. Die strukturierte Umsetzung evidenzbasierter Leitlinien verstehen wir dabei nicht ausschließlich als klinische Aufgabe, sondern zugleich als Grundlage wissenschaftlicher Weiterentwicklung perioperativer Versorgungskonzepte.
Die aufgebauten Versorgungs- und Schulungsstrukturen sollen auch über den Zeitraum des Qualitätsvertrags hinaus langfristig weitergeführt und kontinuierlich weiterentwickelt werden, um die perioperative Versorgung am TUM Klinikum nachhaltig zu stärken.
Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen und stehen Ihnen bei Fragen jederzeit gerne zur Verfügung.
Ihr Delirteam des TUM Klinikums
Der gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), bestehend aus Mitgliedern von Krankenhäusern, Krankenkassen sowie der Ärzteschaft, hat beginnend 2017 Leistungen bzw. Leistungsbereiche festgelegt, zu denen nach § 110a SGB V so genannte Qualitätsverträge geschlossen werden können. Ziel ist es die Qualität der stationären Behandlung durch Einhaltung besonderer Qualitätsanforderungen zu steigern.
Einer der inzwischen acht bestehenden Versorgungsbereiche ist die „Prävention des postoperativen Delirs bei älteren Patientinnen und Patienten“, zu dem das TUM Klinikum zum 01.10.2023 gemeinsam mit der AOK Bayern einen Qualitätsvertrag geschlossen hat.
Die Umsetzung der Qualitätsverträge geschieht auf einem Evaluationskonzept des Instituts für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG).
Für unsere Patientinnen und Patienten streben wir durch die klinische Umsetzung und optimierte Versorgung eine Reduktion des Auftretens des postoperativen Delirs verbunden mit einer Senkung der Sterblichkeit und Erhalt der Selbstständigkeit im Alltag an.
Weitere umfassende Informationen erhalten Sie auf den Internetpräsenzen des G-BA sowie des IQTIG.
Sehr geehrte Patientinnen und Patienten,
sehr geehrte Angehörige und Zugehörige,
in den ersten Tagen nach einer Operation kann ein sogenanntes postoperatives Delir auftreten. Bei einem (postoperativen) Delir handelt es sich um einen Zustand akuter Verwirrtheit und präsentiert sich als eine oft vorübergehende, akut auftretende Störung von Bewusstsein, Aufmerksamkeit und Denkvermögen. Die betroffene Person kann dabei verändert, verwirrt und / oder vergesslich erscheinen. Für die Betroffenen und deren An- und Zugehörige kann diese postoperative Krankheitsphase herausfordernd sein und stellt eine ernst zu nehmende Komplikation dar.
Auch im Rahmen einer intensivmedizinischen Behandlung ist das Auftreten eines Delirs möglich, selbst wenn die Operation bereits eine längere Zeit her ist oder noch bevorsteht.
Aus diesem Grund führen wir bei geplanten Operationen im Vorgespräch zur Narkose durch gezielte Fragen und strukturierte Tests zur geistigen und körperlichen Leistungsfähigkeit durch, um individuell festzustellen, ob bei Ihnen oder Ihrer/m Angehörigen ein erhöhtes Risiko für ein postoperatives Delir besteht und besprechen das geeignete Narkoseverfahren. Sollte ein individuell erhöhtes Risiko festgestellt werden, wird auf die Einhaltung vorbeugender Maßnahmen geachtet, um die Entstehung eines Delirs zu verhindern.
Sie selbst können ebenfalls erkennbar dazu beitragen einem Delir vorzubeugen oder bei der Therapie zu unterstützen:
- Informieren Sie uns, falls nicht bereits geschehen, möglichst umfassend über Vorerkrankungen, Dauermedikation und Alltagsgewohnheiten.
- Bringen Sie alle sensorischen Hilfsmittel (z.B. Brille, Hörgerät, Zahnprothese) mit, die im Alltag benötigt werden.
Bringen Sie gerne Fotos Ihrer Familie oder Freunde, sowie ein Lieblingsbuch, Lieblingsmusik oder Lieblingsduft mit ins Krankenhaus, um eine vertraute Umgebung zu schaffen. Teilen Sie uns gerne die Alltagsgewohnheiten Ihres/r Angehörigen mit. - Kommen Sie gerne so oft es Ihnen möglich ist zu Besuch. Unternehmen Sie, wenn es die Situation zulässt, gemeinsam kleine Spaziergänge zu Fuß, im Rollstuhl im Haus oder Garten.
- Vermitteln Sie Vertrauen und sprechen Sie ruhig mit Ihrem Angehörigen. Helfen Sie bei der Orientierung zu Situation, Ort und Zeit. Es kann notwendig sein dies öfter zu wiederholen.
- Helfen Sie uns ein Delir zu erkennen: Sprechen Sie uns an, wenn sich das Verhalten der Patienten oder des Patienten verändert. Sie kennen sich und Ihre/n Angehörige/n am besten.
Die folgenden finden Sie einige Materialien zum Thema Delir: Die beiden Flyer bieten einen umfassenden Überblick rund um das Thema und die Versorgungsstruktur am TUM Klinikum Rechts der Isar. Des Weiteren finden Sie die Patient:innenleitlinie "Delir im höheren Lebensalter" der AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften) zum Download. Diese bietet Ihnen umfassende Informationen zum postoperativen Delir und unterstützt Sie bei der Vorbereitung auf Ihren stationären Aufenthalt.
Die wissenschaftliche Begleitung des Projekts untersucht perioperative Risikofaktoren, klinische Behandlungsabläufe und Präventionsstrategien für postoperative neurokognitive Störungen unter den Bedingungen der universitätsmedizinischen Routineversorgung.
Im Mittelpunkt stehen die Identifikation relevanter Risikofaktoren, die Evaluation praktikabler Screening- und Risikostratifikationsverfahren sowie die Weiterentwicklung klinischer Behandlungspfade für operative Patientinnen und Patienten ab einem Alter von 65 Jahren.
Hierzu werden klinische Routinedaten, standardisierte Assessments und perioperative Verlaufsparameter systematisch ausgewertet. Ziel ist es, Hochrisikopatientinnen und -patienten frühzeitig zu identifizieren und durch gezielte präventive Maßnahmen das Auftreten postoperativer Delirien und weiterer neurokognitiver Komplikationen zu reduzieren.
Darüber hinaus ermöglicht die enge Verzahnung klinischer Versorgung, interprofessioneller Zusammenarbeit und wissenschaftlicher Begleitung die Analyse komplexer perioperativer Versorgungsprozesse unter Alltagsbedingungen eines universitätsmedizinischen Hochleistungszentrums. Die gewonnenen Erkenntnisse fließen kontinuierlich in die Weiterentwicklung klinischer Standards, Schulungsprogramme und perioperativer Behandlungskonzepte ein.
Langfristiges Ziel ist die nachhaltige Verbesserung perioperativer Versorgungspfade mit dem Erhalt von Selbstständigkeit, funktioneller Autonomie und Lebensqualität unserer Patientinnen und Patienten.
Wir freuen uns, wenn Sie uns erlauben, die während Ihres stationären Aufenthalts erhobenen Routinedaten in anonymisierter Form wissenschaftlich auszuwerten und damit zur Weiterentwicklung perioperativer Versorgungskonzepte beizutragen.
Gemeinsam schaffen wir nachhaltige Strukturen zur Prävention perioperativer neurokognitiver Komplikationen.
Herzlichen Dank für Ihre Unterstützung.
Weitere Informationen finden Sie auf der Seite der AG Perioperative Neurokognition
Am 13. März 2026 fand am TUM Klinikum Rechts der Isar in Kooperation mit der LMU der Münchner Delirtag unter dem Motto „Stronger Together“ statt – gemeinsam ausgerichtet von der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin sowie der Stabsstelle Pflegewissenschaft.
Ein erfolgreicher Tag liegt hinter uns, geprägt von intensivem, fachübergreifendem Austausch und wertvollen Begegnungen zu einem oft unterschätzten, jedoch hoch relevanten Thema.
Das Delir ist ein plötzlich auftretender Verwirrtheitszustand, der Denken, Aufmerksamkeit sowie Bewusstsein beeinträchtigt und die Gesundheit nachhaltig beeinflussen kann. Die Betroffenen stehen vor großen Herausforderungen. Die Auswirkungen z.B. auf die kognitiven Fähigkeiten und Mortalität sind erheblich. Umso entscheidender ist eine strukturierte Prävention, frühzeitige Erkennung und eine gezielte Delirbehandlung – über alle Versorgungsgrenzen hinweg.
Genau hier setzte der Münchner Delirtag an: Wissen bündeln, interprofessionelle Zusammenarbeit stärken und gemeinsam nachhaltige, patientenzentrierte Versorgungsstrukturen weiterentwickeln.
Besonders geprägt wurde dieser Tag durch einen offenen und engagierten Dialog: vielfältige Perspektiven, großartige Expertise und der gemeinsame Anspruch, die Versorgung von Patientinnen und Patienten mit Delirrisiko nachhaltig zu verbessern
Die Vorträge, Diskussionen und persönlichen Gespräche haben einmal mehr gezeigt: Gute Versorgung gelingt nur gemeinsam.
Ein herzliches Dankeschön an alle Mitwirkenden, Referentinnen und Referenten sowie Teilnehmenden für diesen inspirierenden und erfolgreichen Tag!